Sei mild zu dir selbst, denn mit dir musst du dein Leben lang auskommen
Eine kleine Geschichte der Lebenskunst, über das überfordert sein als introvertierter und kreativer Freigeist in dieser ergebnisorientierten Welt. Meine Rückkehr zur Intuition und zum Rhythmus - weg vom Außen, hin zu meiner Essenz.
Storytime
Ich weiß nicht, wie lange ich schon meinen persönlichen Weg suche. Sei es in der Kunst oder in der Bewegungskunst. Gefühlt jede Woche entscheide ich mich um, wie ich diesen Lebensweg kreativ gestalte und was für Sport/Bewegung ich einbaue... wie meine Routinen aussehen. Du musst wissen, dass ich im Home Office arbeite und meine Zeit einteilen kann, wie ich es mag. Das ist purer Luxus. Zumindest für mich. Aber auch wenn du normal zur Arbeit gehst oder Familie hast, hoffe ich, dass du etwas aus diesen Worten mitnehmen kannst.
Folgendes: Ich probiere immer gerne neue Sachen aus oder lerne dazu. Das gilt für die Kunst, wie auch für meine Vitalität. Klingt erstmal gut. Doch die letzten Wochen/Monate ist mir aufgefallen, dass es mir immer schwerer fällt, mich festzulegen, was ich mache… diszipliniert und fokussiert zu bleiben. Zudem klingt es von Außen immer “bleib dran”, “konzentriere dich auf eine Sache”, tu dies… wir empfehlen das… Kraftaufbau hier, gesunde Ernährung dort…
Ich möchte mich sehr gerne auf eine Sache festlegen, schaffe es aber nicht. Wenn ich festlege “Ich mache nun diese Challenge” oder “Ich konzentriere mich nur auf diesen Kunstausdruck” und mein Gott … wie oft habe ich schon die 31 Tage Yoga Challenge von Mady Morrison angefangen und nicht beendet. Trotz täglicher Bewegung bin ich immer verspannt, herrscht ein unterschwelliger Druck in meinem Körper und oft genug bin ich unmotiviert. Dabei möchte ich im Fluss sein, mich leicht fühlen in meiner (Bewegungs)Kunst.
Anstatt der Freude am einfachen Machen, wird aber jeder Morgen zum Stress, weil mein Kopf entscheiden möchte, was ich mache. Doch da liegt das Problem.
Wenn das Selbstvertrauen schwächelt, sei mild zu dir selbst
Wenn ich mir immer sage, das mache ich jetzt, und tue es dann doch nicht, geht langsam aber sicher das Vertrauen in mich selbst verloren. Und wenn ich mit etwas Probleme habe, dann mit Selbstvertrauen und Perfektionismus.
Mir mit Milde gegenüberzutreten ist ein wichtiger Schritt. Es bedeutet mir zuzugestehen, dass ich gut genug bin, intuitiv zu entscheiden, wie ich meinen Tag oder meine Bewegungspraxis gestalte. Der Körper darf entscheiden. Nicht der Kopf. Zurück zur Intuition und zu einem natürlichen Rhythmus. Als Persönlichkeitstyp eines INFJ (MYers-Briggs) liegt meine Stärke in der nach innen ausgerichteten Intuition, meine Schwächen in der extremen Sensorik und noch schlimmer… strukturiertes und pragmatisches Denken. Das ist mein blinder Punkt, denn ich komme ganz schwer ins Umsetzen von Ideen und Visionen.
In den letzten Jahren habe ich sehr viel über mich gelernt und mir eine ordentliche Basis an Input und Wissen angeeignet. Nun stehe ich an einer Art Schwelle vom Konsum hin ins Tun. Denn Konsum ist für mich als INFJ der größte Energieräuber, den es gibt, weil das Aufnehmen von äußeren Reizen zur externen Sensorik gehört. Es zieht die Aufmerksamkeit von mir weg und das ist die große Falle. Meine zweite kognitive Funktion ist extravertiertes Fühlen. Das bedeutet, ich nehme die Gefühle anderer sehr gut wahr, was mich extrem empathisch macht. Das ist gut. Die Schattenseite ist aber, dass wenn ich im Autopiloten bin, validiere ich oft nach Meinungen anderer - schaue was sagt der, wie macht sie das? Das bringt mich schnell in ein negativ Spirale, die von mich von mir wegzieht.
Du siehst: rein theoretisch betrachtet, ist mir das alles bewusst. Aus diesem Teufelskreis auszubrechen, ist ein ordentlicher Kraftakt. Doch mein Ziel ist klar: vom Außen zurück ins Innere - zu meiner Essenz. Zurück ins Jetzt, weg von Zukunftsvisionen und Überdenken. Wenn ich im jetzt bin, mich auf den nächsten kleinen Schritt fokussiere, dann hat die Angst vor dem Unbekannten und vor dem Kontrollverlust keine so große Macht.
„Du musst nicht das Ende der Treppe sehen, die nächsten Stufen reichen vollkommen.“
Annäherung an mich selbst
Wer diese obigen schlauen Worte gesagt hat, weiß ich leider nicht mehr. Aber hier kommt für mich die Milde mit ins Spiel, verständnisvoll und achtsam mit mir umzugehen. Wichtig ist, nicht zu viel auf einmal zu wollen, kleine Schritte zu machen und wieder zu lernen, mich wertzuschätzen… auf meinen Körper zu hören und nicht, was die Allgemeinheit für gut und richtig erachtet. Jeder Mensch ist anders, jeder Mensch braucht etwas anderes, um sich wohlzufühlen, um gesund zu sein.
Was den Perfektionismus angeht, ist das als Künstler in Zeiten von KI gefühlt ein Kampf David gegen Goliath. Da ist der Antrieb, etwas Wertvolles der Gesellschaft beisteuern zu müssen, dem Leben zu beweisen, dass ich es wert bin, hier zu sein. Doch ich brauche dir nicht zu erzählen, dass diese Gedanken in Stress ausarten.
Dass ich Kunst schaffen will, war mir schon als Kind klar. Ich habe mich für Studiengänge zum Thema Illustration beworben. Bin aber nicht genommen wurden. Bin meinen kreativen Pfad aber immer weiter gewandert und irgendwann beim Art Journaling angekommen. Hier drückst du dich nicht nur durch Worte aus (wie beim Tagebuch schreiben), sondern auch mit Farben, Formen, Collage, Strukturen… eigentlich ist alles erlaubt, was dich frei macht und das entspannt.
Mit dieser Kunst habe ich nicht nur meinem Perfektionismus den Kampf angesagt, sondern auch dieser ermüdenden Endlosspirale von Inout, Hinterfragen, Überdenken und nach immer Neuem zu suchen. Nora von Wayra Arts erinnert mich regelmäßig daran.
„Was sich nicht ausdrückt, drückt sich ein.“
Sich mit Milde zu begegnen, kann bei eben diesem Ausdruck unterstützen und Mut machen. Dieser Ausdruck ist für mich in erster Linie das Art Journaling. Hierbei geht es nicht ums perfekt sein, nicht um Schönheit, nicht was sein soll, sondern was gerade ist. Schlicht und ergreifend um deinen ganz persönlichen Ausdruck. Das hat es mit Bewegung gemeinsam.
Auch wenn es festgelegte Bewegungsabläufe oder Sportarten gibt, interpretiert sie jeder Praktizierende anders.
Bei den Shaolin heißt es:
„Erfasse das Wesen der Dinge und gib den Dingen deine Form.“
Das gilt für Kunst und für Bewegung gleichermaßen. Und da ist es egal, ob es den Normen entspricht, Titelseiten tauglich ist, oder es bei den Leuten für ein unverständliches Schmunzeln sorgt.
Denn wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, wünsche ich mir genau das: Stille, Frieden, Natürlichkeit und Freiheit in mir und in meinem Tun. Das ist das Beste, was ich in dieser lauten und schnellen Welt kultivieren kann. Die Welt, Welt sein zu lassen und meinen Beitrag auf meine Weise beizusteuern, auch wenn er noch so leise und am Rande des Stroms zu finden ist.
Und wieder gibt es für dich und für mich eine kleine Affirmation:
„Ich begegne mir mit Milde und gehe liebevoll mit mir um.“
